Warum schwankt das Kreuz? - Baukletterer auf dem Turmdach in Mehringen

Warum schwankt das Kreuz? - Baukletterer auf dem Turmdach in Mehringen

kirche st. stephaniMehringen -

Warum wackelt sie denn nun, die Turmspitze der Mehringer Kirche? Am Mittwoch versuchten Baukletterer dem Geheimnis des schwankenden Kreuzes auf die Spur zu kommen. Und das in einer Aktion, für die der Laie Worte wie „waghalsig“ oder „riskant“ kennt. Zumindest sieht es so aus, wenn zwei Männer sich in fast 40 Metern Höhe mit Seilen und Haken auf dem steilen Dach eines Kirchturms bewegen.



Doch Henry Bach und Ralf Rühlemann, die im Auftrag der Firma Hoch Oben aus Halle nach Mehringen gekommen sind, winken ab. Das Klettern in schwindelerregenden Höhen ist Alltag für den gelernten Vermessungstechniker und den ehemaligen Kunststudenten. Dabei ist Sicherheit oberstes Gebot. Deshalb klären sie schon vorab, ob sie gegebenenfalls eigene Ösen mittels Spezialmörtel an der Turmhaube anbringen können, wenn die vorhandenen Leiterhaken nicht zu benutzen sind. „Sie dürfen alles, was das Bauwerk nicht zum Einstürzen bringt“, sagt Ortsbürgermeister Albrecht Schneidewind. Ihm ist sehr daran gelegen, die Ursache für das wackelnde Kreuz in Erfahrung zu bringen. Er möchte nicht riskieren, dass jemand das Teil auf den Kopf bekommt und hat die kleinere der beiden Glocken schon abschalten lassen. Weil das Kreuz immer dann schwingt, wenn beide Glocken läuten (die MZ berichtete). Derweil haben sich die beiden Männer, 31 und 42 Jahre alt, für ihren Aufstieg gerüstet. Zur Ausrüstung gehören neben Helm, Haken, Schlaufen und Seilen auch Werkzeug und ein Fotoapparat. Die beiden Kletterer werden an Ort und Stelle so viel wie möglich dokumentieren.

Der Kirchturm in Mehringen zählt eher zu den kleineren Gebäuden, an denen sie arbeiten. Zu den höchsten Bauwerken gehörte ein 220-Meter-Schornstein in Leuna, bis vor kurzem waren die beiden Kletterer noch Teil der Baustelle Elbphilharmonie. Ihre Aufgabe war es, die Dachränder mit Personenfangnetzen auszurüsten und diese zu warten. Als Baukletterer müsse man nicht außergewöhnlich sportlich, sollte aber schon körperlich fit, natürlich schwindelfrei und mental stabil sein, erklärt Rühlemann, bevor sich die beiden an den Aufstieg machen - mit 20 Kilo Ausrüstung am Gürtel. Zunächst entern die beiden den Turm im Inneren. Bis zur obersten der beiden Dachluken kommen sie. Von dort schieben sie ein Seil nach draußen, an dem sich Rühlemann später von der Ausstiegsluke aus Stück für Stück nach oben arbeitet. Die Leiterhaken sind offenbar fest genug, dass sie das Gewicht halten. Oberhalb der obersten Luke sind noch einmal etwa drei Meter zu überwinden bis zu der Stelle, an der das Kreuz auf der Turmkugel festgemacht ist. Ralf Rühlemann versucht, ein Seil wie ein Lasso über den Haken hoch über sich zu werfen. Das braucht ein paar Versuche, doch dann ist es geschafft. Nach etwa einer Stunde befindet sich der Mann neben der Kugel. „Bitte mal läuten“, ruft er nach unten. Dann werde man sehen, was passiert. Die Glocke ertönt, und nach einer Weile fängt das Kreuz tatsächlich an leicht zu schwingen.

Nach dem Einsatz auf dem Dach ist allerdings klar: Das Turmkreuz sitzt fest. Die Spitze wackelt nur, weil der Turm durch das Läuten unmerklich mitschwingt. Eine Nachricht, die Schneidewind erst einmal beruhigt: „Es besteht keine Gefahr für Leib und Leben“, sagt er. Dennoch will er die Ursache mit Hilfe von Experten so schnell wie möglich finden. Der Glockensachverständige der Landeskirche habe bereits vermutet, dass es an der Glockenfrequenz bzw. am Glockenstuhl liegen könnte. (mz)
– Quelle: http://www.mz-web.de/26844638 ©2017

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