Eine Glocke in St. Stephani muss schweigen

Eine Glocke in St. Stephani muss schweigen

kirche st. stephani Mehringen -

Man könnte behaupten, in Mehringen gebe es keinen Feierabend mehr. Denn die kleinere der beiden Glocken im Turm der Stephaniekirche, die nach altem Brauch den Feierabend einläutet, ist verstummt. Das liegt nicht an der Glocke. Die ist intakt und würde schon noch ihren Dienst tun - im Sommer um 18 Uhr und im Winter um 17 Uhr das Arbeitsende zu verkünden. Wenn sie nicht hätte zum Schweigen gebracht werden müssen. Sicherheitshalber.


Schwingungen im Turmkreuz

Denn immer, wenn die kleinere der beiden Eisenglocken ertönt, wackelt das Turmkreuz. Nicht sehr, aber immerhin so, dass die Bewegung mit bloßem Auge zu erkennen ist. Während des jüngsten Weihnachtsmarktes fiel dieser Umstand einem der Besucher auf.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass die Glocken in Mehringen Sperenzchen machen. Eine ähnliche Situation gab es schon einmal vor zehn Jahren, weiß Albrecht Schneidewind, Bürgermeister des Ascherslebener Ortsteils. Der Mehringer Wilhelm Groth entdeckte während einer Familienfeier beim Blick zum Turm das Wackeln. Dass das nicht am Alkohol lag, bestätigten Experten später und veränderten nach einer Überprüfung die Läutefrequenz.
Muss eine andere Frequenz gewählt werden?

Ob es auch diesmal wieder daran liegt? Albrecht Schneidewind zuckt mit den Schultern. Dies werde herauszufinden sein, er stünde bereits in Kontakt mit dem Glockensachverständigen der Landeskirche. Auf jeden Fall habe man kein Risiko eingehen wollen und die Feierabendglocke vorübergehend abgeschaltet. „Die Dinger geben uns jedenfalls ganz schöne Rätsel auf“, sagt er.

Und das trifft nicht nur auf die Feierabendglocke zu. Denn zum Geläut gehörte noch eine dritte, sehr wertvolle und besonders alte Glocke aus dem 14. Jahrhundert. Diese stammte aus dem 1525 zerstörten Kloster und fand ihren Platz im Kirchturm. Bis zum II. Weltkrieg jedenfalls, als sie und zwei weitere Glocken abgenommen wurden mit dem Ziel, sie einzuschmelzen.
Wo befindet sich die Klosterglocke?

Wohl aufgrund ihres Alters entging sie der Verhüttung. Anders als die anderen zwei, die später dann durch Eisenglocken ersetzt wurden. Ob die wertvolle Klosterglocke den Krieg tatsächlich überlebt hat oder in den letzten Tagen durch Fliegerangriffe auf das Glockenlager in Hamburg zerstört wurde - dies ließ sich trotz vielfältiger Nachforschungen der Mehringer nicht herausfinden. „Ich denke ja immer noch, die hängt irgendwo und läutet“, sagt Schneidewind, der sich insbesondere nach der politischen Wende intensiv, aber ohne Erfolg bemüht hatte, das Schicksal der Klosterglocke zu klären.
Bauwerk-Kletterer helfen

Nun muss geklärt werden, warum die Turmspitze wackelt. Deshalb werden vermutlich in der kommenden Woche Bauwerk-Kletterer in Mehringen anreisen und von außen die Spitze erklimmen. „Von oben können wir am besten sehen, wo das Problem liegen könnte“, sagt Hans Erler, Chef der Hallenser Spezialfirma „ObenHoch“. „Vielleicht schabt die Vibration an den Befestigungsschrauben. Vielleicht finden wir es heraus,“ sagt er. (mz)
– Quelle: http://www.mz-web.de/26813968 ©2017

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