Demografische Entwicklung - Bald Pflege-Taxis im Salzlandkreis unterwegs?

Demografische Entwicklung - Bald Pflege-Taxis im Salzlandkreis unterwegs?

Aschersleben/Mehringen -Marlies Schulz

Beherzt greift Marlis Schulz in eine Tüte voller Rübenkraut und schleudert es über den kleinen Innenhof ihres Einfamilienhauses am östlichen Ortsrand von Mehringen. Gackernd stürzen sich einige Hühner auf das frische Grün. Sechs Hühner und einen Hahn hat sich die 85-Jährige angeschafft. „Damit ich etwas zu tun habe. Rumsitzen liegt mir nicht“, sagt Schulz.

Aber aktiv und vor allem mobil zu sein, fällt ihr immer schwerer. Bis zum vergangenen Jahr konnte sie die paar Hundert Meter zum Bäcker oder zur Bank noch mit dem Fahrrad zurücklegen. Doch das traut sie sich heute nicht mehr. „Mir wird manchmal schwindelig. Und mit den vielen Lkw auf der Straße, da habe ich Angst“, sagt Schulz.

Die Gesellschaft wird älter

So wie ihr geht es vielen Menschen im Salzlandkreis. Und das Problem spitzt sich zu: Bis 2030 steigt die Zahl der über 80-Jährigen je nach Region um 40 bis 60 Prozent - und damit auch die Anzahl derer, die auf Hilfe bei täglichen Wegen angewiesen sind.

„Gerade im ländlichen Raum haben die Menschen oft eigene Häuser und möchten dort alt werden. Das ist Teil der Lebensqualität“, sagt Michael Fritzsching, Einrichtungsleiter beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Bernburg. Auch Marlis Schulz kann sich ihren Ruhestand nicht in einem Pflegeheim vorstellen. „Das kommt für mich nicht in Frage“, sagt sie ernst. Seit über 50 Jahren wohnt sie in ihrem Haus in dem Ascherslebener Ortsteil.

Landkreis kooperiert mit ASB

Der Salzlandkreis will sich des Problems der mangelnden Mobilität auf dem Land in Zusammenarbeit mit dem ASB annehmen. Die Idee: Pfleger, die Patienten in ihren eigenen vier Wänden betreuen, sollen diese zukünftig bei ihren Fahrten in Versorgungszentren mitnehmen. Das soll zunächst in einer Pilotregion um Alsleben getestet werden. Das Vorhaben ist Teil eines vom Bund geförderten Projektes. Der Salzlandkreis wurde zusammen mit 18 weiteren Regionen aus ganz Deutschland dafür ausgewählt.

„Die Zukunft wird vom demografischen Wandel geprägt. Wie wir damit umgehen, wird für viele Menschen entscheidend für die Frage sein, ob sie hier bleiben oder nicht“, sagt Dirk Helbig, der das Projekt für den Landkreis leitet. Bevor die fahrenden Pfleger die ersten Menschen mitnehmen, braucht es noch eine rechtliche Absicherung.

Thema liegt dem Bundestag vor

„Das liegt derzeit alles im Bundestag zur Bearbeitung“, sagt Börries Hochfeld, Geschäftsführer des ASB in Bernburg und ergänzt: „Es ist logisch, weil wir es jeden Tag erleben. Die Pfleger und die Menschen vor Ort kennen sich meist schon lange.“

„Wenn sich das etabliert, haben wir einen riesigen Schritt für die Lebensqualität auf dem Land getan“, ist sich sein Kollege Fritzsching sicher. Bis September soll feststehen, ob es eine Genehmigung für den Personentransport durch Pflegedienste geben wird.

Einen festen Fahrplan für das Pflege-Taxi soll es nicht geben. Langfristig kann sich Projektleiter Helbig aber die Terminabsprache etwa über Mund-zu-Mund-Propaganda oder auch über eine Webseite vorstellen.

Ergänzendes Angebot

„Probleme auf dem Land löst man nur gemeinsam“, sagt Helbig. Das Angebot soll das der öffentlichen Verkehrsmittel und Taxiunternehmen ergänzen, nicht ersetzen. „Wir verfolgen kein wirtschaftliches Interesse“, so Börries.

Wird eine Genehmigung für das Vorhaben erteilt, sollen solche Kooperationen auch in anderen Regionen angestoßen werden. Marlis Schulz ist noch etwas unentschlossen. „Es ist schon eine gute Lösung. Aber ich selbst würde das wohl nur im Notfall nutzen“, sagt die 85-Jährige. Sie habe ja ihre Kinder und ihr persönliches Umfeld. Einmal in der Woche kommt eine Physiotherapeutin zu ihr.

ÖPNV ist keine Hilfe

Auch Marlis Schulz sieht das Problem der Mobilität: Zu Fuß schafft sie es nur bis zum Ende ihrer Straße, etwa 200 Meter. Längere Strecken kann sie aufgrund von Bandscheibenproblemen nicht mehr laufen. Und auch der Rollator hilft ihr nicht, dafür sind die Gehwege zu schlecht.

„Mir helfen meine Kinder beim Einkaufen. Aber ich muss alles im Voraus planen. Frische Ware ist selten“, sagt Marlis Schulz. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind für sie kaum eine Hilfe. Dafür seien die Wege von den Haltestellen zum Arzt oder der Bank zu weit. Und ein Taxi kann sie sich für die alltäglichen Strecken nicht leisten. (mz)

von Max Hunger, 01.03.2019

Zurück zur Übersicht